Vom Meer zum Tempel

«Kollam kandal illam venda» –
wer nach Kerala kommt,
wird seine Heimat schnell
hinter sich lassen.

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Wir verbringen herrliche Tage am Meer, geniessen das warme Wasser, die Beobachtung der Fischer in den Backwaters und unser Zusammensein. Doch wir freuen uns auch auf die Reisetage in die Berge und in die Tempelstadt. Mit einem privaten Chauffeur passieren wir grüne Hügel, fahren vorbei an Ananasplantagen, angezapften, pfeifengeraden Gummibaumwäldern, Tapiok wächst in roter Erde. Ein Dschungelland mit wildwachsenden weissen und rosaroten Engelstrompeten, meterhohen Weihnachtssternen, am Wegrand trocknet die bunte Wäsche auf dem Grasband.

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Zwischendurch muss die Hupe betätigt werden, um die Affen von der Strasse zu verscheuchen. Die Gegend wird immer hügeliger, sogar richtig bergig. Eine kurvige Strasse zieht den Berg hinaus, die Luft wird immer kühler. Wir machen einen Stopp in einem Gewürzgarten und lassen uns Gewürznelken, Kakao, Zimt, Banane, Ananas, Kardamom, Pfeffer und verschiedene ayurvedische Heilkräuter erklären.

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Die Teeplantagen beginnen, soweit das Auge reicht nur Teebüsche, die eigentlich Bäume sind und auf Buschhöhe niedergetrimmt werden. Im Teefactory-Museum in Munnar erfahren wir die Unterschiede des weissen, grünen und schwarzen Tees sowie die Pflück- und Verarbeitungsmethoden.

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Tee wächst ideal bei heissen Temperaturen am Tag und nächtlicher Kälte. Jeder Hügel bis in steilste Lagen ist mit Teebäumen bepflanzt. Arme Pflückerinnen, die auf engsten Wegen zwischen den Büschen die Teeblätter ernten müssen. Und dabei wahrscheinlich am wenigsten vom ganzen Gewinn verdienen.

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Wir durchschlendern den Markt in Munnar, das auf 1500 Meter Höhe liegt. Ein reiches Gemüseangebot von Blumenkohl über Bohnen, Rüebli, Mais und Kartoffeln, alles schön aufgehäuft und präsentiert. Immer wieder müssen wir Fotos machen, die Inder sind richtig gierig, aufs Bild zu kommen. Und es wuselt überall, ein Durcheinander in allen Gassen.

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Am Morgen ziehen wir gerne unsere Jacken an, es herrscht Hauch-Rauch-Kälte. Auch unser Chauffeur Shandu ist ganz erfroren, er hat im Auto übernachtet. Wir durchfahren einen dicken, kurvenreichen Dschungel, fast wie im Regenwald. Kardamom-Büsche wachsen an den Hängen links und rechts der Strasse. Wer braucht so viel Kardomom? Immer wieder tauchen gigantische, christliche Kirchen auf, Jungfrau Maria wacht im Glaspalast. Das passt so gar nicht in die Gegend und die Verhältnismässigkeit zu den kleinen, bescheidenen Behausungen der Inder ist eher fragwürdig. Doch die Kirchen sind gefüllt, der Glaube allgegenwärtig.

In Thekaddy passieren wir die Grenze zum Bundesland Tamil Nadu. Name und Alter der Passagiere muss hinterlegt werden. Da treffen wir die Hindu-Pilger, die nach Madurai in die Tempelstadt unterwegs sind. Bärtige Gestalten mit wilden Haaren, die meisten haben ein schwarzes Tuch umgebunden, sind barfuss zu Fuss unterwegs. Bis zum Erreichen der Pilgerstätte gibt es keine Rasur und keinen Haarschnitt. Es ist fast etwas furchterregend, wenn sie in ganzen Gruppen zusammenstehen. Wir treffen die Pilger wieder im Sri-Meenakshi Tempel in Madurai. Zu Hunderten haben sie das Ziel des heiligen Hindu-Tempels erreicht. Der Tempel lässt uns staunen: fünf riesige, bis 50 Meter hohe Eingangstürme, zwei im Osten, West, Nord und Süd und weitere neun Türme in der Anlage.

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Die Eingänge stehen für den Menschen mit Kopf, zwei Beinen, zwei Armen. Sie sind mit farbenfrohen Figuren, Göttern und Gestalten geschmückt. Jede Marmorsäule in den langen Gängen im Innern des Tempels ist mit unterschiedlichen Sujets versehen. Die Anfänge des Tempels reichen ins 12. Jahrundert zurück, wie sie das wohl gemacht haben? Die tägliche Besucherzahl beträgt rund 50 000 Menschen. Er umfasst eine Fläche von 62 000 Quadratmeter und ist Gott Shiva und seiner Gattin Parvati gewidmet. Ja die Hindu-Götter sind eine Sache für sich. Es soll ca. 330 000 davon geben. Wir sind froh, wenn wir Ganesh mit dem Elefantenrüssel erkennen. Vor dem Tempel wollen alle Geschäfte machen. Wahrsager lesen aus den Karten und an jeder Ecke gibt es goldglänzende Hindu-Heiligkeiten zu kaufen.

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Auf den Strassen von Maduari herrscht ein Verkehrsgewühl: Autos, Tuk-Tuk, Roller und Busse drängen sich vor. Oft erleben wir haarsträubende Situationen mit Fingerbreite, doch es passiert tatsächlich selten etwas. Auf dem Trottoir wird alles abgewickelt: der Schneider sitzt (wirklich) im Schneidersitz und bedient die Handnähmaschine, der Schuhmacher flickt der Kundin noch schnell die Flip-Flops,

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ein paar Menschen schlafen auf der Zeitung, Kühe liegen vor der Tür, auf einem Karren wird mit einem Kohlenbügeleisen die Wäsche gebügelt, die Frauen verkaufen Knoblauch, Bohnen und die farbenprächtigen Blumengirlanden für den Götterschmuck.

SAMSUNG CAMERA PICTURES   K1024_DSC05877   Die Strasse ist in Indien Lebensraum.

Wir besuchen das Ghandi-Museum und sind berührt vom Leben dieses Grossen Mannes. Nach 200 Jahren Unruhen, Zwistigkeiten und Kolonialisierung hat er es geschafft, Indien durch Respekt und Achtung der Menschen zu einem freien, friedlichen Staat zu führen. Eine Persönlichkeit.

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